Identität.

In den fast fünf Jahren, in denen ich mein Online-Leben hier habe, wurde ich vielleicht – wenn’s hochkommt – fünfzig Mal per Mail, Direct Message oder Kommentar gefragt, wo meine Wurzeln liegen – meistens, nachdem ich bestimmte Fremdwörter anders ausgesprochen habe, als man das auf deutsch eigentlich tut. Fünfzig Mal in fünf Jahren, das ist wenig. Nicht, dass ich das gerne gefragt werden wollen würde, aber ich muss zugeben, es ist außergewöhnlich. Wenn ich im Offline-Leben neue Menschen kennenlerne, fällt diese Frage in 9 von 10 Gesprächen spätestens nach einer Stunde, meistens früher. Mir persönlich macht diese Frage nichts, ich lass den Fragesteller aber immer raten, denn kaum einer errät es richtig – und diese Tatsache allein sagt für mich so viel aus. Wenn ich die Gegenfrage „Was glaubst du denn?“ stelle, werde ich genauer gemustert,  kurz prüfend angeschaut.

Mein Gegenüber sieht dunkle Haare, ja, dunkle Augen ja, die ein bisschen mandelförmig sind, ja, und ich hab hohe Wangenknochen, ja. „Wie lautet dein Nachname?“ Mein Vorname und die meiner Geschwister sind italienisch und unser Nachname ‚Scholl’ ist deutsch. Und nach einigen Sekunden Überlegung habe ich von all den Fragenden in meinem Leben schon viel gehört – Deutsch, Italienisch, Spanisch, Türkisch, Portugiesisch, Griechisch, Kroatisch, Russisch, eine Auswahl an südamerikanischen und südasiatischen Ländern und  Osteuropa. Und nach spätestens fünf „Nein, falsch“ geben die meisten auf, meinen irgendwas in die Richtung „Ist ja auch egal, fand ich nur interessant“ und warten drauf, dass ich sie aufkläre. Auch wenn ich in eine volle Bahn steige oder mich irgendwo dazusetze, wo eine dieser Sprachen gesprochen wird, wird oft kurz innegehalten und manchmal fallen sogar ein paar „Testsätze“, um zu prüfen, ob ich die Unterhaltung verstehe und mithören könnte.

Ich bin meistens etwas belustigt darüber, mein Gegenüber ein bisschen irritieren zu können und so etwas wie ein lebender Beweis zu sein, dass mein Äußeres eben absolut nichts aussagt.

Irgendwann hat mal jemand zu mir gesagt, ich hätte kein Allerwelts-, aber ein bisschen ein Allernationen-Gesicht, das fand ich irgendwie passend.

Denn mein Gesicht, mein Aussehen sagen über mich nichts aus. Verraten nichts über meinen Charakter, nichts über meine Person. Ich persönlich habe kaum Bezug zu den verschiedenen Ländern, in denen meine Eltern und meine Großeltern geboren sind, weiß nicht unbedingt mehr über sie, als über andere, ich spreche die Sprachen nicht.

Die Frage nach Identität ist für mich schwierig zu beantworten – denn Identität hat für mich persönlich nichts mit Nationalität zu tun, nichts mit dem Pass, nichts mit dem Herkunftsland der Eltern, der Großeltern und nicht mal nur unbedingt etwas mit der Sprache. Ich würde mich wohl an erster Stelle als Europäerin bezeichnen, wenn ich müsste, und an zweiter Stelle als Stuttgarterin und selbst das wird für mich nicht dem Wort „Identität“ gerecht. Ich könnte in einem Land geboren sein, aber mich mit der Kultur eines anderen mehr identifizieren, oder mit der von zweien, dreien oder mehr. Oder umgekehrt. Und es macht keinen Unterschied für mich. Identität wird unter anderem durch Sprache gebildet, hat Judith Butler mal geschrieben. Mit meist nur einer Sprache, die man gesprochen hat und dadurch auch mit nur einer Kultur, war Identität für die früheren Generationen vielleicht passiver – man wurde eher in eine hineingeboren, hineingebracht und stückweise ist sie an einem haften geblieben. Jetzt spricht fast jeder von uns mehrere Sprachen, fühlt sich in mehreren Kulturen, Städten und Ländern für kürzere oder längere Zeiträume heimisch und vielleicht ist Identität dadurch heutzutage etwas viel aktiveres und facettenreicheres geworden – mir gefällt der Gedanke zumindest.

Damit könnte ich mir Identität mit einem fortwährenden Prozess erklären, in dem man sein Leben lang aktiv und selbstbestimmt an seiner eigenen Identität bastelt. Das zwingt uns im Umkehrschluss, mit Pauschalisierungen aufzuhören, mit Schubladendenken, mit Vorurteilen und macht gleichzeitig eine ganze volle, facettenreiche Welt auf. Pauschalisieren, Schubladen, Vorurteile sind einfach, bedürfen kaum echtes Interesse an einer Person, zeugen viel eher von Ignoranz. Und doch reagieren so viele auf Unbekanntes, auf eigenes Unwissen, reflexartig so schnell mit genau dem – mit Pauschalisierungen, Schubladen, Vorurteilen. Ist das so viel besser, als einfach damit fein zu sein, nichts zu wissen? Nur zu wissen, dass wir gar nichts wissen, über eine fremde Person, die vor uns steht und dass uns ihr Aussehen in unserem Unwissen hier nicht weiterhelfen wird. Auch das Fragen nach dem Herkunftsland, nach den geografischen Wurzeln wird uns in diesem Unwissen nicht weiterhelfen und – selbst die Antwort auf diese Frage wird es auch nicht tun.

Aber was weiterhelfen wird, ist – die fremde Person vor einem zu einer nicht mehr fremden zu machen.

Portraits by Herr Schiller

Teilen:

5 Kommentare

  1. Vivian
    31/08/2018 / 17:17

    “Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt” – daran musste ich gerade denken, als du Butler erwähnt hast.

    Ein ganz ganz wunderbarer Text, liebe Diana! Ich selbst habe keine “ausländischen” Wurzeln und finde es manchmal schwierig, wie ich Fragen nach der Herkunft eines Menschen verpacken soll. Ich studiere in einer Region mit Dialekt, habe selbst aber keinen – da werde ich dann schon gefragt, aus welcher Ecke Deutschlands ich denn komme. Wenn ich selbst dann mit einem Menschen spreche, der gebrochenes Deutsch spricht oder einen starken Akzent hat, würde ich ihm die gleiche Frage auch gerne stellen, einfach, weil es mich interessiert – aber das wird in einigen Fällen ja schon kritisch gesehen. Wie stehst du dazu?

    Ein ganz tolles Buch zu dem Thema ist übrigens auch -finde ich- “Gegen den Hass” von Carolin Emcke, das gerade Gruppendymaniken in Hinblick auf “Fremdes” sehr gut erklärt.

  2. Svenni
    31/08/2018 / 17:32

    Ein schöner Text. Bei mir kam irgendwie nie die Frage auf, wo du herkommst. Weil du wie ich aus Stuttgart kommst und (wie ich) an der HdM studiert hast. Das war Info genug.
    Aber am Ende des Texts war ich dann zugegebenermaßen doch ein bisschen enttäuscht, dass du nichts über deine Wurzeln erzählt hast. 🙂

    • Diana
      Autor
      01/09/2018 / 1:52

      Lieben Dank dir 🙂 so gehts mir meistens auch.

      Ha, ja, ich hatte erst überlegt, das einfach als kleines PS dazuzupacken, aber dachte dann, das ist doch genau die Pointe 😉 Ich mache das mal seperat und anders verpackt.

  3. Viola
    31/08/2018 / 17:48

    Das ist ein wirklich wundervoller und schlichtweg wahrer Blogpost! Gerade in den heutigen Zeiten, in denen aufstrebender Nationalismus einhält und “anders aussehen” und “anders sein” nach wie vor und, so kommt es mir zumindest vor, immer mehr ein Problem für manche (viel zu viele) Menschen darstellt. Dabei ist die Diversität der gesamten Menschheit etwas so Wundervolles und Wertvolles, dass es mich immer wieder wütend und traurig macht, wie intolerant ein Teil der Gesellschaft doch ist.
    Nichtsdestotrotz ist man natürlich auch neugierig, wenn jemand besonders aussieht. Einzigartig ist jeder Mensch und jeder sieht auf seine/ihre Weise perfekt aus, aber manche Menschen stechen mehr hervor als andere. Aber genauso neugierig sollte man ebenfalls darauf sein, was die Person beruflich macht, was sie gerne in ihrer Freizeit tut, was sie liebt und wofür sie brennt. Mir geht es oft so, dass ich mich einfach frage, was für eine Geschichte ein Mensch hat, und wenn jemand so aussieht als hätte er andere Wurzeln als ich, frage ich auch danach, denn es ist Teil seiner Geschichte. Wie wichtig dieser Person allerdings die Herkunft seiner Familie ist und wie sie das geprägt hat, ist immer im Einzelnen zu sehen. Generell sollte aber immer gelten, und das hast du vollkommen richtig gesagt, dass nur weil jemand, den ich nicht kenne und der vielleicht nicht “deutsch” aussieht (Wie auch immer das dann sein soll, denn für mich gibt es nicht “Den Deutschen”), mir fremder ist als eine Person, die mir ähnlich sieht. Jeder Mensch, den ich nicht kenne, ist mir fremd, egal welchen Geschlechtes, welcher Religion, welcher Sexualität, welcher Color oder welcher Herkunft. Und man sollte immer neugierig sein, was ein Fremder einem zu erzählen hat, denn es kann den eigenen Horizont so sehr erweitern. Man sollte ihn mit offenen Armen empfangen.
    Schubladen, Klischees und Vorurteile wird die Gesellschaft so schnell nicht los, aber ich hoffe und glaube ganz fest, dass der offene und tolerante Teil der Menschen lauter und größer ist als der Teil, dessen Motto Ablehnung und Intoleranz heißt.
    In diesem Sinne Danke für deinen tollen Beitrag – neugierig bleibe ich trotzdem, wie deine Geschichte und die deiner Familie lautet! 🙂

  4. Katharina E.
    02/09/2018 / 18:09

    Hallo Diana,
    das ist ein wunderschön geschriebener Blogpost, der mich auch sehr zum Nachdenken gebracht hat. Mir ist bei den ersten Zeilen aufgefallen, dass ich mich noch nie gefragt habe, wo genau deine Wurzeln liegen – aber auch nicht davon ausgegangen bin, dass du nur in Deutschland verwurzelt bist. Es hat einfach gar keine Rolle gespielt und ich merke gerade, dass mir das bei vielen Menschen in meinem Alter so geht. Sicherlich liegt es auch oft daran, dass man mit dem Namen einen Hinweis bekommt. Wirklich wichtig ist auch nicht, dass man die gleiche Herkunft hat, sondern einen gemeinsamen gesellschaftlichen Wertekonsens – das ist für mich identitätsstiftend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.